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Und so wird in Bad
Mergentheim - der Kurstadt im Norden von Baden-Württemberg - zum
einen betont traditioneller, großer Circus angeboten, bis heute
auch mit Wildtieren, mit klassischen Genres im artistischen Teil
und mit einem Spaßmacher, der noch mehr Clown als Comedian ist.
Zugleich legt Rudi Bauer, der einige Zeit im Management von Flic
Flac tätig war, Wert auf besonders spektakuläre Genres und
präsentiert nun erstmals fliegende Motorräder im Circuszelt.

Szene aus dem Finale
Es ist die sechste Auflage dieses
Weihnachtscircus insgesamt und davon die fünfte, die in den
imposanten, gelb-weißen Zeltanlagen des ehemaligen Circus
Universal Renz stattfindet. Aus heutiger Sicht schon fast nicht
mehr vorstellbar, dass mit diesem gewaltigen Chapiteau vor gut
einem Jahrzehnt noch schnell gereist wurde. Erstmals ist auch
der zweite Betrieb von Rudi Bauer auf dem Volksfestplatz
aufgebaut, der "Winterzauber" mit großer Schlittschuhfläche auf
echtem Eis, einem urigen Hüttendorf mit Bratwurst, Glühwein und
anderen Schmankerln sowie Eisstockbahn und Karussell. Hier bot
sich die Gelegenheit - anders als am bisherigen Standort im
Schlosshof - das komplette Angebot mit einem Festzelt zu
überdachen und dadurch wetterfest zu machen.
  
La Rouge Showgirls, David
Paschke, Cristiano Dias
Drei Tage nach der Premiere wirkt
das Programm eingespielt und rund. Empfangen werden wir von den
“La Rouge Showgirls” mit ihrem Tanz in Kostümen mit rotem
Federschmuck, dies zu moderner Musik. Über ihnen schwebt
gleichzeitig Evelin Dias bei ihrer Akrobatik an roten
Seidentüchern. David Paschke begrüßt das hochverehrte Publikum,
und schon ist die Manege frei für Cristiano Dias. Der junge
Portugiese jongliert sehr traditionell, aber auch sehr sicher
mit vier Keulen, sieben Bällen, fünf Ringen - die er auch mit
Fußkicks wieder in die Luft befördert - sowie abschließend mit
neun Ringen.
  
Ernita Ronzalli, Jean
Lucas Pontigo, Duo One
Gleich im Anschluss hält auch
Ernita Ronzalli eine größere Zahl von Gegenständen in Bewegung,
in ihrem Fall jedoch Hula-Hoop-Reifen. Dies nicht nur am Boden,
sondern auch während sie in die Luft gezogen wird - mal mit
einer Schlaufe um die Hand, mal kopfüber mit einer Schlaufe um
den linken Fuß. Auch in der zuletzt genannten Position lässt sie mit dem
anderen Bein und den Armen noch drei Reifen kreisen. Nun machen
wir erstmals Bekanntschaft mit Clown Jean Lucas Pontigo. Der
junge Mann aus Brasilien gilt für Deutschland noch als
Neuentdeckung und hat mit seiner originellen und sympathischen
Art das Publikum schnell auf seiner Seite. Im ersten Auftritt
bringt er zunächst ein besonderes Geschenk für David Paschke, der mit den
enthaltenen Putzutensilien die Manege reinigen soll. Es folgt
eine Hutjonglage, und schließlich zeigt Jean Lucas, wie man seine Weste auf besondere
Weise anziehen kann. Wieder geht es in die Luft, nunmehr mit dem
Duo One am Fangstuhl. Von der Ballade "Je suis malade" wechselt
die Musik schnell zu Rock’n’Roll. Der Schwierigkeitsgrad der
gezeigten Tricks bleibt im überschaubaren Rahmen und gipfelt in
einem Salto von Hand zu Hand.
  
Denis Ilchenko, Jean Lucas
Pontigo, Truppe Steam
Nun zieht die erste
Programmhälfte bis zur Pause deutlich an, wird merklich stärker. Zunächst freuen wir
uns nach zwei Jahren über die Rückkehr von vier
Publikumslieblingen nach Bad Mergentheim - zwei tierischen und
zwei menschlichen. Gemeint sind die beiden Seelöwen Scooby und
Teddy sowie ihre äußerst sympathischen Vorführer Perry Pedersen
und Dani M. Jahn. Kleine Bälle auf der Schnauze balancieren,
Reifen um dieselbe kreisen lassen, große Wasserbälle
zurückspielen zur Tierlehrerin, auf der Trompete musizieren - es
ist ein tiergerechtes Repertoire, das auf höchst unterhaltsame
Weise dargeboten wird. Besonders liebenswert ist die
Einbeziehung zweier Kinder aus dem Publikum, die den mächtigen
Tieren Ringe zuwerfen dürfen. Als ein Ring zu Boden fällt, hebt
einer der Seelöwen ihn selbständig auf. Ebenso eine Rarität wie
diese Wildtiernummer ist der Auftritt von Denis Ilchenko, der
als "der stärkste Mann der Welt" angekündigt wird. Als wäre es
ein leichtes, jongliert er mit drei Autoreifen oder verbiegt mit
den Händen eine massive Eisenstange, deren Mitte er mit einem
Tuch zwischen den Zähnen hält. Mit vier Personen besetzt ist der
Stamm, den er auf den Schulten trägt, während er sich um sich
selbst dreht. Schließlich zieht er einen schweren Geländewagen
mit zwei Insassen mit der Kraft seines Gebisses in die Manege,
nur um sich wenig später von dem Fahrzeug auf effektvolle Weise
überrollen zu lassen. Mit seiner Popcorn-Reprise überbrückt Jean
Lucas Pontigo den Aufbau des großen Requisits für die
Pausennummer. Flugs werden zwei Trampoline und ein großes "Haus"
dazwischen aufgebaut. Dieses Konstrukt nutzt das Sextett der
Steam Acrobatic Troupe für temperamentvolle Sprünge und Salti.
Sie führen von den Trampolinen zu den sechs Türen in der "ersten
Etage" des Hauses und hinauf aufs Dach. Auf immer wieder anderen
Wegen werden die Positionen gewechselt und wird dabei ordentlich
Stimmung gemacht. Mit sehr hohen Sprüngen in "liegender"
Position findet die Nummer ihren Abschluss.
 
Steam Acrobatic Troupe,
Paul und Namyaca Bauer
Den Herren bleibt nicht viel Zeit
zur Entspannung, denn - eingerahmt vom Ballett - eröffnen sie
auch die zweite Hälfte. Nun springen sie von der Russischen
Schaukel in ein hohes, gespanntes Tuch, dies natürlich in
Kombination mit Salti und Pirouetten. Auch mehrere komplette
Überschläge in Folge mit der Schaukel dürfen nicht fehlen. Eine
der witzigsten Szenen von Jean Lucas Pontigo ist sein Auftritt
als komischer Zauberer, bei dem er eine vermeintliche Taube
"fliegen" lässt und "versehentlich" sich selbst in Hypnose
versetzt anstatt den Mitspieler aus dem Publikum. Ein kräftiges
Raunen geht durch die Logen und über die Tribüne, als Namyaca
und Paul Bauer ihren ganzen "Bauernhof" voller Tiere in die
Manege bringen. Hunde und Schweine jeweils unterschiedlicher
Rassen, Ziegen, ein Pony sowie ein farbenprächtiger Hahn
gefallen in einer ansprechenden Trickfolge mit reitenden Ziegen
und rutschenden Schweinen vor liebevoll gestalteter Kulisse – es
gibt wohl aktuell kaum ein schöneres Tier-Potpourri dieser Art.
  
Micael Castanheira, George
Faining, Dias Brothers
Micael Castanheira ist ein
vielseitiger Akrobat, der in anderen Produktionen auch am
Fliegenden Trapez, in der Motorradkugel und auf dem Todesrad
arbeitet. Seine Solonummer am Schwungtrapez, begleitet von
reichlich dramatischer Musik, lebt jedoch mehr von dem
spektakulären Bild des weit ausschwingenden Requisits und dem
energetischen Auftreten als von besonders hochkarätigen Tricks.
In der Ansage besonders herausgestellt wird der
"Rückwärtssalto", der aber ein Rückwärts-Überschlag ist,
gestartet aus dem Stand auf der Trapezstange, sich dabei mit den
Händen festhaltend und direkt in einen Abfaller wechselnd. Zu
den Höhepunkten des Programm gehört sicherlich der Auftritt des
von Flic Flac bekannten Kontorsionisten George Faining aus
Ghana. Sein Künstlername "George Gummi" ist Programm, seine
Beweglichkeit - nach vorne, nach hinten, in seitlicher
Verdrehung - absolut spektakulär. Da bedarf es zum ersten Trick
vier Tänzerinnen, die Hände und Füße fixieren, um einen extremen
Twist zu ermöglichen. Die Publikumsreaktionen sind enorm. Die
eingespielten Geräusche von krachenden Knochen steigern den
Thrill, das geradezu unverschämt sympathische Lachen des gut
gelaunten Artisten den Unterhaltungswert. Schade, dass er kein
richtiges Schlusskompliment bekommt, um sich nochmal besonders
feiern zu lassen. Für Heiterkeit sorgt nochmal Jean Lucas
Pontigo, der sich mit einem Herrn aus den Zuschauerreihen bei
einem Baseball-Match misst. Leistung und Ausstrahlung stimmen
bei den beiden jungen Dias Brothers, die ihre ikarischen Spiele
der Extraklasse zelebrieren. Cristiano, rücklings auf seiner
Trinka liegend, wirbelt Angelo mit den Füßen durch die Luft, bis
hin zu Pirouetten, Doppelsalti und einer Serie von 19
Überschlägen.

Truppe Luftman Extreme
Erst mystisch in Mönchskutten
sowie mit Kerzen in der Hand, dann als attraktive Anheizerinnen
auf der Piste überbrücken die Tänzerinnen des Balletts den
Aufbau für die Schlussnummer. Im Zuschauereingang wird eine
Absprungschanze aufgestellt, vor dem Artisteneingang eine
schräge Landerampe. Das gibt den drei Fahrern der Truppe Luftman
Extreme die Möglichkeit, auf ihren Motorrädern durch Vorzelt und
Verbindungstunnel ins Chapiteau zu rasen, mittels der Schanze
über die Gäste in den vorderen Logen zu setzen und nach
waghalsigen Manövern in der Luft wieder zu landen. Mal halten
Fahrer sich nur mit den Händen, mal nur mit den Füßen am Lenker,
mal wird das Motorrad in seitliche Lage gebracht. Am Ende
fliegen alle drei in dichter Abfolge durchs Zelt. Es ist das
erste Mal, dass eine solche Nummer in einem Circuszelt im
Main-Tauber-Kreis gezeigt wird. Der berühmte Backflip, der
Rückwärtssalto samt Maschine, ist aufgrund der räumlichen
Verhältnisse leider nicht möglich. Stimmungsvoll eingeleitet
wird das Finale, wenn das Ensemble mit leuchtenden Handy-Lampen
in die Manege kommt und diese zu “Hallelujah” schwenkt. Das
Publikum tut es ihnen gleich. Auf diesen ruhigen Moment folgen
noch einmal ein glamouröser Auftritt des Balletts in herrlichen
Federschmuck-Kostümen und die Vorstellung des gesamten
Ensembles. David Paschke spricht die Schlussworte. |