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Es war
ursprünglich das vorletzte Spielzelt des Circus Barum, ist aber
von seinem vormaligen Besitzer Elmar Kretz rundum erneuert
worden, unter anderem durch den Austausch aller Planen. Außerdem
schaffte die Familie Böhm - so der bürgerliche Name von Veno
Mendes - einen neuen, eindrucksvoll hohen Artisteneingang aus
rotem Stoff, neues Licht und einen neuen Manegenteppich mit
Aufschrift "Ulmer Weihnachtscircus" an. Das bisherige
Orchesterpodium dient jetzt als Zuschauereingang und beherbergt
weiterhin die sechs Musiker. Diese räumliche Anordnung sorgt für
einen etwas ungewohnten Sound, da wir die Kapelle im Rücken haben. Als
Vorzelt wird in diesem Winter ein lang gestrecktes, ansprechend
dekoriertes Festzelt genutzt, das die umfangreiche Gastronomie
sowie die erweiterte Toilettenanlage unter einem Dach vereint.

Alles neu beim
Ulmer Weihnachtscircus
Schon bei unserer
Ankunft erfreuen wir uns am Anblick der inmitten des
Schneetreibens festlich beleuchteten Zeltstadt mit der großen
Kasse und den Tonnendachwagen in der Front. Die mutige
Investition habe sich gelohnt: Mit der Ausweitung der Kapazität
von 1100 auf 1640 Plätze habe auch der Besuch stark angezogen,
berichtet Veno Mendes. Es war ihm ein großes Anliegen, den
gestiegenen Anforderungen der Besucher an eine zeitgemäße
Ausstattung gerecht zu werden. Immer wieder hatte er in den
letzten Jahren davon gesprochen. Freilich ist die Tribüne so
gewaltig, dass die Manege etwas verkleinert und als Oval
gestaltet werden musste. Eine Auflage des TÜV sind die hohen
Geländer, die Spielfläche und erste Logenreihe trennen.
 
Veno
Mendes, Kenia Acrobatic Boys
Allen
Veränderungen beim Material zum Trotz, das Programm ist “Typisch
Ulm“ und trägt die Handschrift des langjährigen
Programmdirektors und Ansagers Matthias Bergstaedt. Tradition
hat hier die Flaggenparade, nach der das Ensemble einschließlich
des Balletts in seinen Federschmuck-Kostümen in der Manege
Aufstellung nimmt. Und ebenso klassisch geht es weiter, wenn
Veno Mendes sechs Friesenhengste vom schwedischen Cirkus Olympia
zu einer Freiheitsdressur mit verschiedenen Lauffiguren
anleitet. Souverän dirigiert er die Tiere durch die flüssig
ablaufende Nummer. Anstelle der ursprünglich angekündigten
Truppe aus Kuba sind die vier "Kenia Acrobatic Boys" in der
Vorstellung vertreten. Ihre Mischung aus Seilspringen und
Pyramidenbauen mag eher ein wenig improvisiert denn streng
choreographiert wirken, doch gute Laune und fröhliche Stimmung
verbreiten die Energiebündel in jedem Fall.
  
Pom Pom,
Duo Infinitum, Esther Moreno
So wie auch der
bekannte ungarische Clown Pom Pom alias Laszlo Szabo, der mit
seiner Lebens- und Manegengefährtin Pompi arbeitet. Mit seinen
abstehenden Wuschelhaaren und der bunten Weste verkörpert er
noch einen traditionellen Typ Spaßmacher. Seine erste Szene
handelt davon, wie ein Plüschteddy mittels Kanonenschuss auf die
Reise Richtung Zeltkuppel geschickt werden soll. Pom Poms
freundlichen Wesen entsprechend kehrt der Spielzeugbär natürlich
unversehrt zurück. Zu den hochwertigsten Acts in der Show
gehören sicherlich die des Duos Infinitum. In der ersten Hälfte
überzeugen die beiden mit ihrer Partnerakrobatik ganz in
Schwarz. Die meiste Zeit übernimmt er die tragende Rolle, doch
zwischendurch wird getauscht. Zu den Posen, die jeweils hohes
Balancegefühl erfordern, gehört beispielsweise ihr freihändiger
Spagatsitz auf den ausgestreckten Beinen des am Boden liegenden
Partners, mit gewinnendem Lächeln präsentiert. Bemerkenswert ist
die Arbeit von Esther Moreno am Schwungtrapez, handelt es sich
doch um eine „Best Agerin“, die in großer Höhe ohne Sicherung
arbeitet. Nur für den Zehenhang legte sie die Longe an.
  
Tiblet und
Selamawit, Gerlings, Pom Pom
Tiblet und
Selamawit aus Äthiopien verbrachten ihre erste Reisesaison in
einem europäischen Circus 2014 bei „Harlekin“ in der Schweiz. Um
eine weitere junge Frau zum Partnerakrobatik-Trio "Black
Diamonds" erweitert, folgte daraufhin eine Weltkarriere mit Gold
in Moskau, Silber in Latina, Bronze beim Festival New Generation
in Monte Carlo sowie Engagements unter anderem bei “Ringling” in
Amerika. Nun sind sie zum wiederholten Mal in Ulm zu Gast. In
der ersten Programmhälfte erleben wir zunächst die
Ursprungsformation mit den beiden Schwestern bei ihren
Antipodenspielen. Jede von ihnen lässt vier rote Teppiche auf
Händen und Füßen rotieren. Der eigentliche Clou sind aber die
gemeinsam gearbeiteten Passagen. Dabei hält sich eine im
Schulterstand auf dem ausgestreckten Bein der anderen, die
rücklings auf der Trinka liegt. Die jeweils drei freien
Extremitäten werden genutzt, um insgesamt sechs Teppiche sich
drehen zu lassen. Wenig später - nachdem Pom Pom und Pompi sich
ein Klatsch-Duell der Tribünenblöcke links und rechts geliefert
haben - dreht sich wieder etwas. In diesem Fall zwei
nebeneinander aufgebaute Todesräder der Truppe Douglas Gerling.
Jeweils zwei Damen und Herren belegen zunächst die Innenseiten
der vier Laufkessel. Allerdings wagt sich später nur ein Akrobat
auf eine der Außenseiten, so dass die Möglichkeiten eines
doppelten Rades nur eingeschränkt genutzt werden. Immerhin
fehlen mit Blindlauf, Seilspringen, hohen Sprüngen, Klettern
über die Achse sowie Aufschwung außen am Rad die wesentlichen
Bestandteile des Genres nicht. Mit einem Quickchange der
besonderen Art - hier ändert sich nicht die Kleidung, sondern
die Frisur - leitet Pom Pom zur Pause über.
 
Ballett,
Veno Mendes
Jahr für Jahr
loben wir den Einsatz des Balletts in Ulm. Anstatt für
langatmige Szenen werden die vier Tänzerinnen dafür eingesetzt,
den Artisten jeweils einen effektvollen Auftritt zu verschaffen.
So bei den Antipoden in der ersten Hälfte, so bei der
Kameldressur zum Beginn der zweiten. Vier Trampeltiere werden
von Veno Mendes ebenso gekonnt wie zuvor die Pferde durch ihre
Dressurfolge dirigiert - umso bemerkenswerter, als ihm die Tiere
jeweils nur zur Weihnachtszeit zur Verfügung stehen.
 
Kenia
Acrobatic Boys und Ballett, Alexia Mendes
Und mit viel
Temperament ist das Ballett auch dann im Einsatz, wenn die Kenia
Acrobatic Boys direkt im Anschluss ihren Limbotanz präsentieren.
Feuerschlucken und -spucken durch einen der vier Artisten stehen
am Beginn, dann wird eine brennende Stange mal übersprungen, mal
geschickt unterquert. Natürlich wird diese im Verlauf der
Trickfolge immer tiefer gelegt. Clown Pom Pom wählt einen Gast
aus dem Publikum, um sich mit diesem auf pantomimische Weise zu
duellieren. Die dritte Tiernummer des Abends wird von
Juniorchefin Alexia Mendes vorgeführt. In ihrem Kleid im
Leopardenlook zeigt sie ein Groß und Klein mit einem Friesen und
einem schwarz-weißen Pony, welches unter dem Ross hindurchläuft.
Auch ein Steiger des großen Pferdes fehlt nicht.
  
Duo Infinitum,
Black Diamonds, Truppe Gerlings
Nach einem
stimmungsvollen Auftritt inmitten des Balletts erzählt das Duo
Infinitum eine Liebesgeschichte an den Strapaten. Mal schwebt
die Partnerin im freihändigen Spagat an den Bändern, mal sehen
wir sie im Spagathang, während sich ihr Partner mittels einer
Schlaufe an einem ihrer Beine hält. Auch beim Schlusstrick
übernimmt sie den tragenden Part, kraftvoll halten sich beide
Hand in Hand. Auf diesen Höhepunkt des Programms folgt sogleich
der zweite mit dem Trio Black Diamonds. Auf kunstvolle Weise
türmen die drei jungen Frauen ihre Körper zu Skulpturen
übereinander, dies bis hin zum einarmigen Handstand auf dem Kopf
der Unterfrau. Gleichzeitig klammert sich die dritte Artistin in
liegender Position und rücklings an die stehende Partnerin.
Kraft, Balance, Beweglichkeit und gegenseitiges Vertrauen sind
nur vier der Grundvoraussetzungen für diese Nummer. Jedenfalls
dem Anschein nach über enorme Kräfte verfügend, zieht Pompi die
Motorradkugel in die Manege. Pom Pom beweist seine
Geschicklichkeit auf einem Mini-Fahrrad, mit dem er über die
Piste steuert. Und dann ist alles gerichtet für die echten
Biker. Erst zwei, dann drei, dann fünf Hasardeure der Truppe
Gerlings rasen durch den Globe, natürlich auch kopfüber. Erst
beim Schlusskompliment wird deutlich, dass eine Frau unter den
Motorradfahrern ist. Einige Besucher hält es nicht mehr auf
ihren Sitzen, sie applaudieren stehend. Der Rest des Publikums
folgt ihnen im Finale nach. |